Coldcard-Desaster: Schwacher Zufall kostet Bitcoin-Nutzer 38 Millionen Dollar

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Category: Anonym bezahlen · 6 Min Lesezeit
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In der Nacht zum 31. Juli 2026 verschwanden innerhalb von 25 Minuten rund 594 Bitcoin – etwa 38 Millionen US-Dollar – aus ungefähr 500 verschiedenen Wallets. Kein Phishing, keine gestohlenen Geräte, keine erpressten Passwörter: Die Bestohlenen hatten alles „richtig" gemacht und ihre Coins auf einer Coldcard verwahrt, einer Hardware-Wallet, die unter Bitcoin-Puristen als Goldstandard galt. Das Problem saß tiefer, als es je ein Nutzer hätte erkennen können: Die Geräte erzeugten ihre geheimen Schlüssel jahrelang mit vorhersehbarem Zufall. Wer die Schwachstelle kannte, konnte die Seeds schlicht nachrechnen – und musste am Ende nur noch abräumen.

Was passiert ist

Zwischen 03:31 und 03:56 Uhr deutscher Zeit wurden die betroffenen Wallets in nur drei Blöcken leergeräumt – ein koordinierter Sweep, wie ihn die Bitcoin-Blockchain selten gesehen hat. Alle geplünderten Wallets waren Single-Signature-Wallets mit mehr als 0,15 BTC; viele lagen seit Jahren unangetastet. Die Coins stammten aus den Jahren 2021 bis 2026 – und genau diese Zeitspanne ist kein Zufall.

Denn fast zeitgleich veröffentlichten die Bitcoin-Sicherheitsteams von Block (dem Unternehmen hinter der Bitkey-Wallet), unterstützt von anonymen Sicherheitsforschern, eine Analyse, die es in sich hat: Die Firmware der Coldcard enthielt seit Version 4.0.0 vom März 2021 einen fatalen Fehler in der Zufallszahlenerzeugung. Hersteller Coinkite reagierte mit einer Warnung an alle Besitzer einer Coldcard Mk3, die ihren Seed auf Firmware 4.0.1 oder neuer erzeugt haben – ihre „funds may be at risk". Einen direkten Zusammenhang zwischen der Lücke und dem Diebstahl hat Coinkite bislang nicht offiziell bestätigt; die zeitliche und technische Deckung ist allerdings frappierend.

Die Schwachstelle: Zufall, der keiner ist

Eine Hardware-Wallet hat im Kern genau eine Aufgabe: einen geheimen Schlüssel zu erzeugen, den niemand erraten kann. Dafür verbauen die Hersteller spezielle Hardware-Zufallsgeneratoren, die echtes physikalisches Rauschen liefern. Genau dieser Baustein wurde in der Coldcard-Firmware ab Version 4.0.0 – durch einen simplen Programmierfehler – schlicht übersprungen: Der Code prüfte nur, ob die Option für den Hardware-Zufall definiert war, nicht ob sie eingeschaltet war. Ergebnis: Statt echtem Zufall lieferte ein deterministischer Software-Generator namens Yasmarang die „Zufallszahlen".

Gefüttert wurde dieser Generator ausgerechnet mit Werten, die alles andere als geheim sind: der Seriennummer des Chips, einem Systemzähler mit nur rund 100.000 möglichen Werten und den Uhr-Registern des Geräts. Wer die Seriennummer eines Geräts kennt oder durchprobiert, kann sämtliche darauf erzeugten Seeds einfach nachrechnen – und die Blockchain selbst verrät ihm, welche Kandidaten echtes Guthaben tragen. Konkret betroffen sind:

  • Coldcard Mk2 und Mk3 mit Firmware 4.0.0 bis 4.1.9: Die Seed-Erzeugung war vollständig deterministisch – der schlimmste Fall. Sicher sind nur die Mk1 sowie Mk2/Mk3 mit Firmware bis 3.2.2.
  • Coldcard Mk4, Q und Mk5 (Firmware ab 5.0.0): Der fehlerhafte Fallback existiert laut Block-Analyse weiterhin, wird aber mit Entropie aus dem Secure Element nachgewürzt – von der allerdings nur 32 Bit übrig bleiben. Das reduziert einen Angriff auf grob zwei Milliarden Versuche: unbequem, aber für professionelle Angreifer keine unüberwindbare Hürde. Coinkite hält diese Modelle „nach erster Analyse" für nicht betroffen – Block widerspricht und rät auch hier zur Migration.

Die Lücke betrifft nicht nur die Seed-Erzeugung: Auch Paper-Wallet-Schlüssel, Seed-XOR-Aufteilungen, die Verschlüsselung von Geräte-Klonen und USB-Verbindungen, Key-Teleport-Übertragungen und sogar auf dem Gerät gespeicherte Zwei-Faktor-Geheimnisse wurden mit demselben schwachen Generator erzeugt.

Warum das ein Desaster mit Ansage ist

Das Bittere daran: Coldcard-Nutzer sind typischerweise genau die Leute, die alles richtig machen wollen. Sie kaufen ein Air-Gap-Gerät, prüfen Signaturen, verwahren ihre Seed-Wörter auf Stahlplatten. Und die Firmware ist quelloffen – der fehlerhafte Code lag über fünf Jahre für jeden einsehbar auf GitHub. Gefunden hat den Fehler trotzdem erst jemand, als es zu spät war. Open Source ist eine notwendige Bedingung für vertrauenswürdige Software, aber keine hinreichende: Code, den niemand prüft, ist nur theoretisch überprüfbar.

Und noch etwas zeigt der Fall in aller Deutlichkeit: Die Blockchain vergisst nichts und verzeiht nichts. Der Angreifer konnte in Ruhe über Jahre erzeugte Seeds durchrechnen, die zugehörigen Adressen gegen die öffentliche Blockchain prüfen und dann alles in einem einzigen, minutiös vorbereiteten Schlag abräumen. Ein „vielleicht betroffen" gibt es bei einem öffentlichen Kassenbuch nicht – wer auf einer kompromittierten Entropie sitzt, sitzt auf einem Pulverfass mit brennender Lunte.

Handlungsempfehlungen: Das solltest Du jetzt tun

  • Betroffenheit prüfen: Hast Du Deinen Seed auf einer Coldcard Mk2 oder Mk3 mit Firmware 4.0.0 bis 4.1.9 erzeugt (ab März 2021)? Dann gilt Dein Seed als kompromittiert – unabhängig davon, ob bereits etwas gestohlen wurde.
  • Sofort umziehen: Erzeuge auf einem anderen, sicheren Gerät (oder aktueller, geprüfter Firmware) einen komplett neuen Seed und transferiere alle Coins dorthin. Ein Firmware-Update allein hilft nicht: Es repariert nur künftige Seed-Erzeugungen, nicht Deinen bestehenden schwachen Seed.
  • Mk4, Q und Mk5 nicht in Sicherheit wiegen: Coinkite gibt Entwarnung, die Block-Forscher nicht. Bei 38 Millionen Dollar Schaden würden wir im Zweifel der vorsichtigeren Analyse folgen und ebenfalls auf einen frisch erzeugten Seed migrieren.
  • Eigene Entropie verwenden: Die Coldcard bietet seit jeher an, den Seed per Würfelwurf zu erzeugen („Dice Rolls"). 99 Würfe eines simplen Spielwürfels liefern Entropie, die kein Firmware-Bug der Welt vorhersagen kann. Nutze diese Option – bei jedem Hersteller, der sie anbietet.
  • BIP-39-Passphrase ergänzen: Eine starke, zusätzliche Passphrase („25. Wort") liegt außerhalb des Geräts und schützt selbst dann, wenn der Seed selbst schwach ist. Sie ersetzt die Migration nicht, ist aber ein wertvolles zweites Standbein.
  • Nicht alles auf einen Hersteller setzen: Wer größere Beträge sichert, verteilt sie per Multisig auf Geräte verschiedener Hersteller. Dann kann ein einzelner Entropie-GAU nicht mehr das gesamte Vermögen kosten.
  • Beim Umzug an die Privatsphäre denken: Ein Not-Transfer ist ärgerlich genug – verknüpfe dabei nicht auch noch alle Deine Adressen miteinander oder mit Deiner Identität. Wie das geht, steht in unserem Leitfaden Bitcoin-Wallet anonym benutzen.

Die größere Lektion

„Not your keys, not your coins" bleibt richtig – aber der Fall Coldcard ergänzt die Regel um eine unbequeme Fußnote: Deine Schlüssel sind nur so gut wie der Zufall, aus dem sie entstanden sind. Selbstverwahrung verlagert die Verantwortung vom Verwahrer auf die Werkzeuge, und Werkzeuge haben Fehler. Wer sich davor schützen will, kombiniert: eigene Würfel-Entropie, Passphrase, Multisig über Herstellergrenzen hinweg – und ein gesundes Misstrauen gegenüber jedem Gerät, das behauptet, unfehlbar zu sein. Welche Rolle Privacy-Coins wie Monero in einem solchen Setup spielen können, haben wir im Artikel über Anonymität jenseits von Bitcoin beleuchtet; weitere Grundlagen findest Du in der Kategorie Anonym bezahlen und ausführlich in unserem E-Book „Anonym im Netz – Der praktische Guide 2026".

Der Fall ist noch frisch: Ob die gestohlenen 594 BTC zweifelsfrei auf die Coldcard-Lücke zurückgehen, wohin sie fließen und ob weitere Modelle betroffen sind, wird sich in den nächsten Tagen zeigen. Wir beobachten die Entwicklung und aktualisieren diesen Artikel, sobald es belastbare Neuigkeiten gibt.

Quellen: Block Engineering – Predictable RNG Fallback and 32-Bit Reseed in COLDCARD Firmware (30.07.2026) · CoinDesk – Major bitcoin wallet flaw drains 594 BTC in 25-minute sweep (31.07.2026) · The Block – Coinkite issues warning for Coldcard Mk3 users amid 594 BTC theft reports (31.07.2026)

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