Die Fotos waren grausam. Ein Mann, gefesselt, offenbar gefoltert, dann tot. Der Auftraggeber hatte sie bestellt und bezahlt: Dread Pirate Roberts, der Betreiber des Darknet-Marktplatzes Silk Road. Was er nicht wusste: Das Opfer lebte. Die Bilder waren gestellt, und der „Auftragsmörder“, der sie geschickt hatte, war ein Bundesagent der US-Drogenbehörde DEA. Und genau dieser Agent war gerade dabei, sich selbst zu bereichern.
Über diesen Fall haben wir hier 2015 schon einmal kurz berichtet. Inzwischen ist die Geschichte abgeschlossen, und sie ist noch bemerkenswerter als damals.
Die Task Force aus Baltimore
Silk Road ging 2011 online und wurde zum ersten großen Marktplatz, auf dem Drogen gegen Bitcoin gehandelt wurden, erreichbar nur über Tor. Mehrere US-Behörden jagten den Betreiber parallel. Eine davon war eine Task Force in Baltimore. Zu ihr gehörten der DEA-Agent Carl Mark Force IV und der Secret-Service-Agent Shaun Bridges, ein Spezialist für Computerforensik.
Force ermittelte verdeckt. Unter dem Decknamen eines Drogenschmugglers baute er über Monate eine Beziehung zu Dread Pirate Roberts auf und gewann dessen Vertrauen.
Der Mord, den es nie gab
Im Januar 2013 nahm die Task Force Curtis Green fest, einen Moderator von Silk Road, und übernahm dessen Zugang. Kurz darauf verschwanden auf Silk Road Bitcoin. Dread Pirate Roberts verdächtigte Green und wandte sich ausgerechnet an seinen vertrauten „Schmuggler“: Er solle Green zum Schweigen bringen.
Force nahm den Auftrag an. Mit Greens Mitwirkung inszenierte er Folter und Tod, schickte die gestellten Fotos und kassierte die Bezahlung. Dread Pirate Roberts glaubte, einen Mord in Auftrag gegeben zu haben, und Force hatte ein Druckmittel gegen ihn.
Wer hat die Bitcoin genommen?
Die verschwundenen Bitcoin hatte nicht Green genommen. Es war Shaun Bridges. Er hatte Greens Zugangsdaten benutzt, um rund 20.000 Bitcoin von Silk-Road-Konten abzuziehen, damals etwa 350.000 Dollar wert. Er schob sie auf ein Konto bei der Börse Mt. Gox und tauschte sie zwischen März und Mai 2013 in rund 820.000 Dollar um.
Force arbeitete ebenfalls auf eigene Rechnung. Die Bitcoin, die Dread Pirate Roberts dem „Schmuggler“ zahlte, landeten nicht als Beweismittel bei der Behörde, sondern in seiner eigenen Wallet. Und das war erst der Anfang.
„Whoops!“ – die French Maid
Am 26. August 2013 bekam Dread Pirate Roberts eine Nachricht von einem neuen Account namens „French Maid“: Man habe wichtige Informationen, die er sofort wissen müsse, er möge bitte seinen PGP-Schlüssel schicken. Unterschrieben war die Nachricht mit „Carl“.
Vier Stunden später kam eine zweite Nachricht hinterher, Betreff: „Whoops!“. Das tue ihr leid, ihr Name sei Carla Sophia, sie habe viele Freunde und Freundinnen auf dem Marktplatz, und Dread Pirate Roberts werde hören wollen, was sie zu sagen habe. „xoxoxo“.
Hinter Carla Sophia steckte Carl Force, der DEA-Agent, der sich ohnehin schon als Schmuggler mit Dread Pirate Roberts schrieb. Er hatte für seinen neuen Decknamen aus Versehen mit dem eigenen Vornamen unterschrieben. Dread Pirate Roberts fiel es nicht auf. French Maid bot ihm einen Namen an, den Mark Karpelès, der Chef der Bitcoin-Börse Mt. Gox, angeblich den Ermittlern genannt hatte. Dread Pirate Roberts zahlte dafür 770 Bitcoin, damals rund 98.000 Dollar. Laut Anklageschrift landeten sie auf Force' privaten Konten.
Ein Ermittler, der seinem Verdächtigen Interna aus den eigenen Ermittlungen verkauft, und dabei so nachlässig ist, dass er mit dem echten Namen unterschreibt: Das ist die Art Fehler, nach der Ermittler bei Verdächtigen suchen. Hier stand er in den Akten des Verdächtigen selbst. Als das FBI später den Silk-Road-Server auswertete, lag die Nachricht mit „Carl“ einfach da.
Später versuchte Force unter einem weiteren Decknamen noch, Dread Pirate Roberts um 250.000 Dollar zu erpressen. Das Geld kam nie.
Die Spur in der Blockchain
Am 1. Oktober 2013 wurde Ross Ulbricht in einer öffentlichen Bibliothek in San Francisco festgenommen, mit offenem Laptop. Die Ermittler, die ihn fassten, kamen aus New York, nicht aus Baltimore. Nach dem Prozess wurde er im Mai 2015 zu zweimal lebenslänglich plus 40 Jahren verurteilt. Die Mordaufträge waren nie Teil der Verurteilung, die entsprechende Anklage in Maryland wurde später fallengelassen.
Nur wenige Wochen nach Ulbrichts Schuldspruch, im März 2015, wurde die Anklage gegen Force und Bridges öffentlich. Überführt wurden sie mit dem Werkzeug, das sie selbst für sicher gehalten hatten: der Blockchain. Ein Ermittler der US-Steuerfahndung IRS, Tigran Gambaryan, verfolgte die Bitcoin-Zahlungen Schritt für Schritt bis zu den Börsenkonten der beiden Agenten. Börsen kennen ihre Kunden, und genau dort endete die Anonymität.
Force bekannte sich schuldig und wurde im Oktober 2015 zu 78 Monaten Haft verurteilt, also sechseinhalb Jahren. Bridges bekam im Dezember 2015 71 Monate.
Das Ende einer Geschichte
Ross Ulbricht saß über elf Jahre in Haft. Am 21. Januar 2025 begnadigte ihn US-Präsident Donald Trump vollständig und ohne Bedingungen. Seine Unterstützer hatten jahrelang argumentiert, das Urteil sei für gewaltfreie Delikte maßlos. Kritiker verweisen bis heute auf die Mordaufträge, auch wenn es die Opfer nie gab.
Christoph Bergmann hat den Fall damals im Bitcoinblog ausführlich nacherzählt. Wer die Geschichte ganz lesen will, sollte zum Buch „Tracers in the Dark“ von Andy Greenberg greifen.
Lieber zum Anhören?
Wie Ross Ulbricht selbst aufflog, erzählen wir als True-Crime-Hörgeschichte in unserer Reihe „Aufgeflogen – Wahre Geschichten vom Ende der Anonymität“. Die Folge über Silk Road und Ross Ulbricht kannst du auf der Seite zum E-Book „Anonym im Netz“ kostenlos anhören. Die weiteren Folgen, darunter die Geschichte von Silk Road 2.0, gibt es zusammen mit dem E-Book im Mitgliederbereich: echte Fälle, nacherzählt zum Nebenbeihören, und am Ende jeweils die Lehre daraus.
Was du daraus mitnehmen kannst
- Bitcoin ist nicht anonym, sondern pseudonym. Jede Transaktion bleibt für immer öffentlich. Wer genug Zeit hat, verfolgt sie, auch Jahre später.
- Der Schwachpunkt ist der Übergang ins echte Geld. Spätestens an der Börse mit Identitätsprüfung hat jede Kette ein Ende mit Namen. Wie du Wallets ohne solche Verknüpfungen nutzt, steht in Bitcoin-Wallet anonym benutzen.
- Große Beträge fallen auf. Was 2015 galt, gilt heute erst recht: Blockchain-Analyse ist Industriestandard. Wie selbst Mixer und Privacy-Coins daran scheitern, zeigt der Fall der Ledger-Beute.
- Wer echte Privatsphäre bei Zahlungen braucht, schaut sich die Alternativen an, die wir in Anonymität jenseits von Bitcoin beschreiben.
- Vertraue niemandem, nur weil er Insiderwissen hat. Der beste Freund von Dread Pirate Roberts war ein Bundesagent, und sein schlimmster Feind auch.
Quellen: Anklageschrift (Criminal Complaint) gegen Carl M. Force IV und Shaun W. Bridges, PDF · US-Justizministerium – Former Silk Road Task Force Agent Pleads Guilty · US-Justizministerium – Former Secret Service Agent Pleads Guilty to Money Laundering · phys.org – Ex-DEA agent gets 6.5 years in Silk Road case · PCWorld – Silk Road investigators charged with stealing bitcoin · Al Jazeera – Trump pardons Ross Ulbricht
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