Rund 100 Millionen Dollar haben die Täter hinter den präparierten Ledger-Wallets mit Spionage-Chip erbeutet. Jetzt versuchen sie, das Geld unsichtbar zu machen. Sie nutzen dafür die zwei bekanntesten Werkzeuge der Szene: den Ethereum-Mixer Tornado Cash und den abgeschirmten Pool der Kryptowährung Zcash. Es funktioniert nicht. Seit dem 9. Oktober verfolgen Blockchain-Analysten die Beute öffentlich, Tranche für Tranche, oft im Minutentakt. Am Ende tauchen die Beträge als Dollar-Stablecoins in frischen Wallets wieder auf, und die Analysten nennen die Adressen.
Der Fall zeigt, warum Anonymität, die man erst einschalten muss, keine ist.
Die Beute: rund 100 Millionen Dollar auf sieben Blockchains
Ledger selbst nennt bis heute keine Schadenssumme. Das Unternehmen erklärt nur, die Zahl der betroffenen Geräte sei „begrenzt" und alle bestätigten Fälle gingen auf Geräte des südostasiatischen Händlers CryptoBilis zurück. Die Blockchain-Analysten sind genauer. Das Analysehaus YFarmX zählt 103,4 Millionen Dollar aus 530 Adressen auf sieben Blockchains, Bitquery kommt auf 102 Millionen Dollar. Rund drei Viertel davon waren Tether-Dollar (USDT) auf der Tron-Blockchain, der Rest Bitcoin, Ether und weitere Stablecoins.
Der Hauptschlag kam am Morgen des 9. Oktober: Ab 7:07 Uhr deutscher Zeit wurden Hunderte Wallets in kurzer Folge leergeräumt. Vorbereitet war das lange vorher. Laut YFarmX legten die Täter ihre Sammel-Wallets schon ab dem 24. September an und testeten den Ablauf an Dutzenden Wegwerf-Adressen. Ein Teil der Startfinanzierung kam ausgerechnet von einer Auszahlung der Börse Bybit, die ihre Kunden identifiziert.
Erster Schritt: raus aus Tether, bevor eingefroren wird
Stablecoins wie USDT haben für Diebe einen Haken: Der Herausgeber kann Adressen sperren. Tether setzte noch am 9. Oktober 37 Adressen auf die schwarze Liste, 10 Millionen Dollar sind seitdem eingefroren. Die Täter waren darauf vorbereitet. Noch bevor die Sperren griffen, tauschten sie rund 24 Millionen USDT eins zu eins in USDD um, den hauseigenen Stablecoin der Tron-Blockchain. Auf USDD hat Tethers Sperrliste keinen Zugriff. Ab dem 10. Oktober tauschten sie die USDD in Runden von einigen Millionen zurück und schickten sie über die Tauschbörse THORChain nach Ethereum, wo sie als Ether ankamen.
Zweiter Schritt: Tornado Cash
Tornado Cash ist ein sogenannter Mixer. Man zahlt einen festen Betrag ein, also 100, 10, 1 oder 0,1 Ether, und erhält dafür einen geheimen Beleg. Mit diesem Beleg kann man den Betrag später an eine beliebige neue Adresse abheben. Ein kryptografischer Beweis sorgt dafür, dass niemand rechnerisch nachweisen kann, welche Einzahlung zu welcher Abhebung gehört.
Die Täter gingen jedes Mal gleich vor. Eine Ether-Wallet zahlt an eine frische Verteiler-Adresse, diese verteilt auf vier weitere frische Adressen, und die vier zahlen innerhalb weniger Minuten in die Pools ein. Am 9. Oktober waren es 1.254 Ether, am 10. Oktober noch einmal 1.291 und 445, am 11. Oktober 793. Bitquery zählt bis zum 12. Oktober insgesamt rund 6.680 Ether, also gut 16 Millionen Dollar, die durch den Mixer liefen.
Geholfen hat es nicht. Die Mathematik von Tornado Cash verbirgt nur, welcher Beleg eingelöst wird. Sie verbirgt nicht, wie eine Abhebung gebaut ist, wer sie abschickt und wann. YFarmX wertet genau diese Merkmale aus. Alle 161 Abhebungen der ersten beiden Tage tragen nach seiner Analyse dieselbe Handschrift. Die sechs anderen Abhebungen, die im selben Zeitfenster aus denselben Pools kamen, passen nicht dazu. Die Anonymitätsmenge, also die Menge der Nutzer, unter denen man sich versteckt, bestand in diesen Stunden praktisch aus dem Dieb selbst und einer Handvoll Fremder.
Hinzu kommen klassische Fehler. Die Einzahl-Wallets sind über gewöhnliche Überweisungen mit den Sammel-Wallets der Täter verbunden. Mehrere bekamen ihre Transaktionsgebühren von derselben Adresse, die am Morgen schon Gebühren für zwei Brücken-Wallets der Täter bezahlt hatte. Dass sich Tornado-Cash-Nutzer über Zeitpunkt, Gebühren und Adresswiederverwendung verraten, ist seit Jahren belegt. Eine Studie von 2025 schätzt, dass sich allein über wiederverwendete Adressen und Überweisungsketten 5 bis 13 Prozent der Abhebungen zuordnen lassen. Eine einfache Zeitregel nach dem Prinzip „wer zuerst einzahlt, hebt zuerst ab" bringt weitere 15 bis 22 Prozentpunkte.
Dritter Schritt: Zcash und sein abgeschirmter Pool
Von Tornado Cash ging es jeweils innerhalb einer Stunde weiter. Die Ether landeten in Losen von 42 bis 120 Ether bei einem Dienst für Tausch zwischen Blockchains, nach Angaben mehrerer Analysten NEAR Intents. Der Dienst wandelte sie in Zcash um und legte sie in Zcashs abgeschirmten Pool. Dort ist tatsächlich nicht zu sehen, wer wem wie viel schickt. Dieser Teil hält.
Das Problem liegt am Ein- und Ausgang. Bei Zcash ist die Anonymität optional. Neben abgeschirmten gibt es transparente Adressen, die so öffentlich sind wie bei Bitcoin. Der Tauschdienst zahlte jedes Los von einer transparenten Adresse in den Pool ein, also mit öffentlich sichtbarem Betrag. Die Täter holten das Geld nach kurzer Zeit wieder heraus, wieder auf transparente Adressen und wieder mit sichtbarem Betrag, um es in USDC zu tauschen. YFarmX hat daraus für jedes Los eine Art Wertsignatur berechnet und alle transparenten Ausgänge aus dem Pool abgeglichen. Das Ergebnis: 108 von 108 Ausgängen passen exakt zu ihrem Eingangslos, auf den Zatoshi (kleinste Einheit von Zcash) genau, also die achte Nachkommastelle. Kein einziger anderer Ausgang aus dem Pool passte. Bitquery beobachtete dasselbe Muster unabhängig davon: Die Lose verließen Zcash jeweils in zwei Hälften mit 99,75 Prozent des Eingangswerts.
Ein Beispiel vom 10. Oktober: Um 12:18:18 Uhr deutscher Zeit gehen 102,46679986 ZEC in den Pool. 48 Minuten später kommen sie in Block 3.512.847 wieder heraus und fließen direkt in einen Tausch gegen USDC. Wer einen so krummen Betrag hineinlegt und ihn knapp eine Stunde später wieder herausholt, hinterlässt einen Fingerabdruck. Das ist keine Neuentdeckung. Forscher der University College London haben schon 2018 gezeigt, dass sich mit einfachen Regeln ein großer Teil der Transaktionen in den Zcash-Pool und aus ihm heraus zuordnen lässt. Schon 2017 beschrieb eine Studie genau diese „Hin-und-zurück"-Muster, bei denen fast gleiche Beträge kurz nacheinander hinein- und hinausgehen.
Zitierte Grafik: YFarmX auf X, „Ledger theft · day two · how the demixing works", 10. Oktober 2026. Zeiten in UTC (deutsche Zeit = UTC + 2 Stunden).
Die Grafik von YFarmX zeigt den zweiten Tag der Geldwäsche in sechs Stationen. Die Überschrift lautet übersetzt: „Tornado Cash und Zcash verstecken das Geld. Unsere Erkennungswerkzeuge folgen ihm trotzdem."
- Ether-Wallets: 1.741 Ether (4,3 Millionen Dollar) in drei Runden, jede beginnt mit einer Überweisung an eine frische Verteiler-Adresse.
- Tornado Cash: 161 Abhebungen über zusammen 2.810 Ether, jede einzelne der richtigen Runde zugeordnet.
- Frische Wallets: Lose von 42 bis 120 Ether, die nichts tun, als das Geld binnen Minuten zum selben Tauschdienst weiterzuschicken.
- Zcash, abgeschirmt: 20 Lose mit 2.379 ZEC (2,9 Millionen Dollar) im Pool. Absender, Empfänger und Betrag sind dort verborgen.
- Wieder draußen, zugeordnet: 14 Lose mit 1.819 ZEC, 26 bis 102 Minuten nach dem Eingang. Über beide Tage passen 108 von 108 Ausgängen.
- Als USDC ausgezahlt: 1.792.819 USDC in zwei Wallets, die es vor 13:11 Uhr deutscher Zeit noch nicht gab. Der Herausgeber Circle könnte sie einfrieren.
Eine Einschränkung gehört dazu. YFarmX legt alle Adressen und Transaktions-Hashes offen, sodass jeder sie auf der Blockchain nachprüfen kann. Die Methode selbst hält das Analysehaus aber geheim und teilt sie nur mit Partnern aus der Sicherheitsbranche. Bitquery kommt unabhängig zum selben Weg, wertet die Verbindung von Tornado Cash zu Zcash aber vorsichtiger als „starkes Indiz, kein Beweis".
Vierter Schritt: die Auszahlung, wo es wirklich eng wird
Am Ende muss gestohlenes Geld irgendwo ausgegeben oder in staatliche Währung getauscht werden. Genau dort wird es eng. Aus den Zcash-Ausgängen gingen laut YFarmX 313 Ether an die Börse HitBTC und 47 Ether an den Dienst Coinify. Bei Binance kamen zwei Testzahlungen über je 50 Dollar an. Alle drei kennen die Konten hinter diesen Einzahlungen. Millionen in USDC flossen in einen Sammelvertrag, in dem auch Geld anderer Nutzer liegt. Eingefroren hat Circle nach allen verfügbaren Angaben bis zum 12. Oktober nichts. Die ersten USDC-Wallets waren leer, bevor jemand reagierte.
Der größte Teil der Beute liegt ohnehin noch herum. Nach dem Stand vom 11. Oktober sind das rund 14.900 Ether (etwa 37 Millionen Dollar) in zwölf Wallets und 203,79 Bitcoin (knapp 17 Millionen Dollar) in zwei Sammeladressen, die seit dem Diebstahl unberührt sind. Dazu kommen die 10 Millionen Dollar, die Tether eingefroren hat. Die Täter besitzen also viel Geld, das jeder beobachtet und das sie kaum ausgeben können, ohne sich zu zeigen.
Was der Fall über Anonymität lehrt
Tornado Cash und Zcash werden oft in einem Atemzug mit „anonym" genannt. Der Ledger-Fall zeigt, dass beide in der Praxis nicht anonym sind. Beide scheitern am selben Grundproblem: Anonymität ist bei ihnen eine Sonderhandlung, kein Normalzustand.
- Zcash: Weil die Abschirmung freiwillig ist, laufen die meisten Zcash-Bewegungen transparent ab. Wer abschirmt und dabei über transparente Adressen ein- und aussteigt, fällt gerade deshalb auf. Krumme Beträge, kurze Verweildauer und wenig Verkehr am Pool-Ein- und -Ausgang machen den Abgleich fast trivial.
- Tornado Cash und andere Mixer: Der Mixer versteckt Dich nur unter den Leuten, die im selben Zeitfenster dieselbe Summe abheben. Sind das wenige, ist das Versteck klein. Wiederkehrende Abläufe, gemeinsame Gebührenzahler und feste Zeitmuster verraten den Rest.
Die Faustregel lautet: Wer sich nur ab und zu versteckt, macht sich gerade dadurch sichtbar.
Monero: Privatsphäre als Normalfall
Die bessere Alternative ist deshalb eine Kryptowährung, bei der es gar keinen öffentlichen Modus gibt: Monero. Dort ist jede Transaktion verschleiert, und zwar gleich dreifach.
- Ringsignaturen: Der echte Absender versteckt sich in jeder Transaktion unter 15 zufällig gewählten Lockvögeln aus der Blockchain.
- Stealth-Adressen: Für jede Zahlung entsteht eine neue Einmal-Adresse. Die eigentliche Empfängeradresse taucht auf der Blockchain nie auf.
- RingCT: Beträge sind verschlüsselt. Ein Abgleich „gleicher Betrag rein, gleicher Betrag raus" wie bei Zcash ist damit unmöglich.
Weil jede Monero-Transaktion so aussieht, gibt es keine auffälligen „besonders privaten" Zahlungen und keinen Pool mit sichtbarem Ein- und Ausgang. Die ganze Blockchain ist der Pool. Seit 2017 ist dieser Schutz für alle Transaktionen Pflicht.
Unfehlbar ist Monero trotzdem nicht. Transaktionen aus der Zeit vor 2017 ließen sich teilweise zurückverfolgen, das haben Forscher 2018 gezeigt. Die Auswahl der Lockvögel und Zeitmuster sind bis heute Thema von Analysefirmen wie TRM Labs. Mit FCMP++ ist ein Upgrade in Arbeit, das die 16er-Ringe durch einen Beweis über die gesamte Blockchain ersetzen soll. Und der Ein- und Ausstieg über Börsen mit Ausweispflicht bleibt bei jeder Kryptowährung die Schwachstelle. Auch die Ledger-Diebe wären mit Monero nicht aus dem Schneider: Spätestens beim Tausch in Dollar bei einer Börse mit Identitätsprüfung hinterlassen sie eine Spur. Zudem verschwindet Monero in der EU bis Juli 2027 wegen der neuen Geldwäscheverordnung AMLR von allen regulierten Börsen.
Für den Vergleich gilt dennoch: Monero ist nicht perfekt, aber das deutlich bessere Fundament. Eine Übersicht über die Privacy-Coins findest Du in unserem Beitrag Anonymität jenseits von Bitcoin: Monero, Zcash und Co.
Gegenmaßnahmen: Was Du für Deine eigene Privatsphäre mitnimmst
- Privatsphäre muss Standard sein: Setze auf Systeme, in denen alle geschützt sind, nicht nur die, die es einschalten. Das gilt für Kryptowährungen genauso wie für Messenger und Browser.
- Zcash nur ganz oder gar nicht: Wer Zcash nutzt, sollte Wallets verwenden, die standardmäßig abgeschirmte Adressen benutzen, und von abgeschirmter zu abgeschirmter Adresse zahlen. Jeder Umweg über transparente Adressen macht Dich zuordenbar.
- Ein- und Ausstieg sind die Schwachstelle: Eine Börse mit Ausweispflicht kennt Deinen Namen, egal wie privat die Coins dazwischen waren. Wie Du anonymer ein- und aussteigst, steht in der Kategorie Anonym bezahlen.
- Verhalten ist ein Fingerabdruck: Gleiche Abläufe, gleiche Uhrzeiten und gleiche Hilfsadressen verbinden scheinbar getrennte Identitäten. Das gilt auf der Blockchain wie im Netz. Unser 10-Punkte-OPSEC-Programm für anonymes Surfen hilft beim Grundsätzlichen.
- Bitcoin ist pseudonym, nicht anonym: Wer Bitcoin nutzt, sollte die Grundregeln kennen. Sie stehen in unserem Leitfaden Bitcoin-Wallet anonym benutzen.
Ausführlich zu sicheren Wallets, Monero und anonymem Bezahlen schreiben wir in unserem E-Book „Anonym im Netz – Der praktische Guide 2026".
Die Jagd auf die Beute läuft noch. Offen ist, ob Circle die verbliebenen USDC einfriert, ob die Börsen die Konten hinter den Einzahlungen offenlegen und wann die Täter die unberührten Bitcoin bewegen. Wir bleiben dran und aktualisieren diesen Artikel, sobald es belastbare Neuigkeiten gibt.
Quellen: YFarmX auf X – Ledger theft, day two (10.10.2026) · YFarmX – Ledger reseller CryptoBilis: $103m wallet theft traced on chain (laufend aktualisiert) · Bitquery – Ledger CryptoBilis Hack: Where It Went · Unchained – Ledger Says All Confirmed Cases Trace to Reseller CryptoBilis · Kappos u. a. – An Empirical Analysis of Anonymity in Zcash (USENIX Security 2018) · Quesnelle – On the linkability of Zcash transactions (2017) · Cristodaro u. a. – Clustering Deposit and Withdrawal Activity in Tornado Cash (2025) · Tutela – Assessing User-Privacy on Ethereum and Tornado Cash · Möser u. a. – An Empirical Analysis of Traceability in the Monero Blockchain (PoPETs 2018) · TRM Labs – The Rise of Monero: Traceability, Challenges and Research Review · Moneropedia – RingCT
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